Warum wir Kinder oft für das Falsche loben — und was stattdessen hilft
Mittwoch, kurz nach eins, vor der Grundschule. Zwei Kinder steigen in zwei Autos, beide mit demselben Mathetest in der Hand, beide ohne einen Fehler.
Im ersten Auto sagt die Mutter: „Wow, du bist ja ein richtiges Mathe-Ass!“ Das Kind strahlt.
Im zweiten Auto schaut der Vater kurz auf das Blatt und fragt: „Welche Aufgabe war die kniffligste?“ Das Kind überlegt, zeigt auf die vorletzte und erzählt, wie es sich erst verrechnet und den Fehler dann selbst gefunden hat.
Beide Eltern wollten dasselbe sagen: Ich freue mich mit dir. Und beide haben es gesagt. Aber die Kinder haben noch etwas anderes gehört — nämlich, worauf es ankommt. Beim ersten: dass man ein Ass ist. Beim zweiten: dass man an einer kniffligen Aufgabe drangeblieben ist.
Ein paar Wochen später wird der Stoff schwerer. Und dann kann dieser kleine Unterschied plötzlich groß werden.
Die Grundfrage: Was lernt ein Kind aus unserem Lob?
Wir denken beim Loben meist an eine Belohnung — ein freundliches Wort, das gut tut. Das stimmt. Aber Lob ist für Kinder auch eine Information. Es sagt ihnen, was wir sehen, was uns wichtig ist und was an ihnen zählt.
Und Kinder sind sehr gute Zuhörer. Hören sie oft genug „Du bist so klug“, ziehen sie daraus einen Schluss: Klug sein ist das, wofür ich gemocht werde. Das klingt harmlos, bis die erste Aufgabe kommt, die nicht auf Anhieb klappt. Denn dann steht nicht mehr nur eine Aufgabe auf dem Spiel, sondern ein Bild von sich selbst.
Was ein bekanntes Experiment dazu zeigt
Die amerikanische Psychologin Carol Dweck hat diese Frage Ende der Neunzigerjahre mit ihrem Team untersucht. Kinder im Alter von etwa zehn bis zwölf Jahren lösten eine Reihe von Denkaufgaben und bekamen danach einen einzigen Satz Lob. Die einen hörten, sie seien wohl sehr klug. Die anderen hörten, sie hätten sich wohl sehr angestrengt.
Danach durften die Kinder wählen: lieber leichte Aufgaben, bei denen man sicher gut aussieht — oder schwierigere, bei denen man etwas lernen kann? Die „klugen“ Kinder griffen deutlich häufiger zu den leichten. Und als anschließend eine Runde kam, die für alle zu schwer war, verloren gerade sie schneller die Freude und das Zutrauen. Einige schönten danach sogar, wie gut sie abgeschnitten hatten.
Die Erklärung ist naheliegend, wenn man sich in das Kind hineinversetzt. Wer für seine Klugheit gelobt wurde, für den ist ein Fehler ein Beweis gegen sich selbst. Also vermeidet man Situationen, in denen Fehler passieren können. Wer für sein Dranbleiben gelobt wurde, für den ist eine schwere Aufgabe einfach die nächste Gelegenheit dranzubleiben.
Ein einzelner Satz macht natürlich noch kein Kind ängstlich. Aber ein Satz, der jahrelang in dieselbe Richtung zeigt, prägt mit, was ein Kind sich zutraut.
Und dann wurde aus Anstrengung ein Trostpreis
Die Botschaft „Lob die Anstrengung, nicht die Begabung“ hat sich danach schnell verbreitet — in Ratgebern, Schulen, Kinderzimmern. Leider oft in einer verkürzten Form. Aus „Du bist so klug“ wurde „Hauptsache, du hast dich angestrengt“. Auch dann, wenn das Kind gar nicht weitergekommen ist.
Dweck selbst hat später davor gewarnt: Anstrengung zu loben, die zu nichts führt, sei kein Lob, sondern ein Trostpreis. Kinder merken das. Wer nach dem dritten falschen Versuch hört „Toll, wie fleißig du bist!“, hört eigentlich: Mehr ist bei dir wohl nicht drin.
Hier hilft ein Bild aus dem Sport. Wer Rad fährt und ein Trainingsbuch führt, notiert zwei ganz verschiedene Dinge: wie viele Kilometer er in der Woche gefahren ist — und wie schnell er den Hausberg hinaufkommt. Das eine sagt, wie viel trainiert wurde. Das andere sagt, wie gut es inzwischen geht. Beides verdient Anerkennung. Aber niemand würde die Kilometer als Bergzeit eintragen. Und ein Trainer, der nur auf die Uhr schaut und die vielen Kilometer im Regen übersieht, verliert seinen Sportler genauso wie einer, der jede gemütliche Runde zur Bestleistung erklärt.
Beim Lernen ist es dasselbe. Fleiß und Können sind zwei verschiedene Dinge — und beide verdienen ein ehrliches Wort. Schwierig wird es erst, wenn man sie vermischt: wenn Fleiß als Ersatz für Können gelobt wird, das sich noch nicht eingestellt hat. Oder wenn Können als Charaktereigenschaft gefeiert wird, statt als Ergebnis von etwas, das man getan hat.
Zu viel des Guten
Es gibt noch eine zweite Falle, und in die tappen gerade liebevolle Eltern: das übergroße Lob.
„Das ist unglaublich toll!“, „Fantastisch!“, „Du bist der Beste!“ — gesagt aus dem Wunsch, das Kind zu stärken. Ein Forschungsteam aus den Niederlanden hat genauer hingeschaut und etwas Unerwartetes gefunden: Ausgerechnet Kinder mit wenig Selbstvertrauen wählten nach solch übergroßem Lob seltener die anspruchsvollere Aufgabe. Wer sich selbst wenig zutraut und dann „unglaublich gut“ hört, spürt vor allem die Fallhöhe. Das nächste Mal könnte es ja nicht mehr unglaublich sein. Und: Erwachsene neigen dazu, gerade den unsicheren Kindern mehr davon zu geben. Gut gemeint, aber oft mit der gegenteiligen Wirkung.
Dazu kommt ein ganz alltäglicher Effekt. Ein Wort, das bei jeder Gelegenheit fällt, verliert seinen Wert. Wenn jede richtige Plusaufgabe ein „Super!“ bekommt, was sagen Sie dann an dem Tag, an dem Ihr Kind nach einer Woche Knobeln endlich verstanden hat, wie das Rechnen über den Zehner funktioniert?
Hilfreicher ist eine Abstufung, wie sie gute Trainerinnen und Lehrer ganz selbstverständlich nutzen. Bei einer gewöhnlichen richtigen Antwort reicht ein ruhiges „Stimmt.“ oder „Genau.“. Nach etwas, das schwer war, darf es wärmer werden: „Das sitzt jetzt.“ Und die großen Worte heben Sie sich für die großen Momente auf, für den echten Durchbruch: „Siehst du — jetzt hast du's!“ Dann bedeuten sie auch etwas.
Was stattdessen hilft: beschreiben, was Sie gesehen haben
Die gute Nachricht: Sie müssen kein neues Vokabular lernen. Es genügt meistens, vom Urteilen zum Beschreiben zu wechseln. Ein paar Beispiele, wie das klingen kann:
- Sagen, was Sie gesehen haben. Statt „Du bist so schlau“ eher: „Du hast nach dem Fehler noch einmal von vorn gerechnet und ihn selbst gefunden.“ Das Kind erfährt genau, was es richtig gemacht hat — und kann es beim nächsten Mal wiederholen.
- Fleiß ehrlich als Fleiß würdigen. „Du hast heute zwanzig Minuten durchgehalten, obwohl es zäh war.“ Das ist wahr und es reicht. Es muss nicht nachträglich zu „und deshalb bist du gut in Mathe“ umgedeutet werden.
- Können konkret benennen. Statt „Du bist ein Mathe-Ass“ eher: „Plus mit Zehnerübergang sitzt jetzt richtig.“ Das ist ein Ergebnis, kein Etikett. Und ein Ergebnis kann man als Nächstes erweitern, ein Etikett nur verteidigen.
- Hilfe holen mitzählen. „Du hast gefragt, als du nicht weiterkamst. Genau so geht's.“ Viele Kinder glauben, eine Aufgabe zähle nur, wenn sie sie ganz allein geschafft haben. Wer das glaubt, fragt irgendwann nicht mehr — und bleibt hängen.
- Fragen statt bewerten. „Wie bist du darauf gekommen?“ oder, wie der Vater im zweiten Auto: „Welche war die kniffligste?“ Eine echte Frage ist oft das schönste Lob, weil sie zeigt: Mich interessiert, wie du denkst.
- Von sich selbst sprechen. „Ich habe gesehen, wie konzentriert du warst.“ oder „Mich freut, dass du dich an die schwere Aufgabe getraut hast.“ Solche Sätze sagen etwas über Ihre Beobachtung und Ihre Freude — und kein Urteil darüber, wie Ihr Kind ist.
Nichts davon muss perfekt klingen. Kinder hören sehr genau, ob ein Satz echt gemeint ist. Ein ehrliches, etwas holpriges „Das war jetzt wirklich schwer, und du hast es geschafft“ wirkt mehr als jede auswendig gelernte Formel.
Eine Woche lang hinhören
Wie so oft lohnt es sich, nicht sofort alles umzustellen, sondern erst zu beobachten — und zwar sich selbst.
Achten Sie eine Woche lang darauf, wie Sie Ihr Kind loben, ohne es gleich ändern zu wollen. Welche Sätze kommen Ihnen ganz automatisch über die Lippen? Loben Sie eher das Ergebnis („eine Eins!“), die Person („du bist so klug“) oder den Weg („du hast nicht aufgegeben“)? Und wann loben Sie überhaupt — eher bei den leichten Erfolgen oder bei den schwer erkämpften?
Viele Eltern stellen dabei fest, dass sie ihr Kind gerade dann am lautesten loben, wenn ihm etwas leicht gefallen ist. Und dass das hart Erarbeitete eher untergeht, weil es nach einer langen Hausaufgabenstunde alle nur noch erleichtert ist, dass es vorbei ist.
Wenn Sie das bemerken, genügt eine kleine Änderung: beim nächsten Mal einen einzigen Satz des Beschreibens ausprobieren. Und schauen, was passiert.
Worauf Sie bei Lern-Apps achten können
Viele Lern-Apps loben ohne Pause. Jede richtige Antwort löst Konfetti, Fanfaren und Sterne aus. Dazu kommt oft eine Serie: „Du hast 12 Tage in Folge geübt!“ Das klingt motivierend, hat aber eine Kehrseite. Eine Serie kann reißen — durch einen Schnupfen, einen Ausflug, einen vollen Nachmittag. Und plötzlich fühlt sich ein ganz normaler freier Tag wie ein Versagen an.
Bei KIara haben wir uns deshalb bewusst gegen Level und Punkte entschieden, und gegen Serien sowieso. Stattdessen trennt die App, was im Trainingsbuch getrennt steht: Fleiß zählt, wie viele Aufgaben ein Kind gelöst hat — auch die, bei denen es um Hilfe gebeten hat — und an wie vielen Tagen es geübt hat, als Summe, die nur wachsen kann. Und Können zeigt sich in Medaillen, die sagen, wie sicher ein Thema sitzt, und die nie wieder verloren gehen. Für Kinder, die auch das nicht brauchen, lässt sich die Belohnung im Elternbereich ganz abschalten. (Mehr dazu, warum Belohnungen allein selten tragen, steht im Artikel über Belohnung und Sinn. Und warum dasselbe Belohnungssystem das eine Kind packt und das andere kaltlässt, im Artikel über Spielen und Üben.)
Kein Programm ersetzt allerdings das, was in den Autos vor der Schule passiert. Ein Wort von Ihnen zählt für Ihr Kind mehr als jede Medaille.
Zum Schluss
Falls Sie beim Lesen an all die „Du bist so schlau!“ gedacht haben, die Sie Ihrem Kind schon gesagt haben: Kein Grund zur Sorge. Kinder halten ein ganzes Leben voller gut gemeinter Sätze aus. Es kommt nicht auf den einzelnen Satz an, sondern auf das, was sich über Jahre wiederholt. Und das können Sie ab morgen ganz in Ruhe ein wenig verschieben.
Sie müssen dafür nicht jedes Wort abwägen. Es reicht, ein bisschen öfter zu beschreiben, was Sie gesehen haben, Fleiß und Können jeweils ehrlich beim Namen zu nennen und die großen Worte für die großen Momente aufzuheben.
Und vielleicht ist das schönste Lob ohnehin keine Bewertung, sondern Aufmerksamkeit: jemand, der genau hinschaut und fragt, wie hast du das gemacht? Ein Kind, das diese Frage oft hört, lernt, dass sein Denken interessant ist. Und wer das weiß, traut sich auch an die nächste knifflige Aufgabe.